Elektrisches Ridesharing in Hamburg: MOIAs smarte Mobilität

E-Mobilität

4.6.2020

Energie fürs Ridesharing

In Hamburg bietet die Volkswagen-Tochter MOIA seit April 2019 Ridesharing mit Elektrofahrzeugen an. Entscheidender Bestandteil des Konzeptes sind die Schnellladesäulen von Porsche Engineering.

Leichter Regen in Hamburg. Laut App soll das MOIA-Fahrzeug in drei Minuten am Heidi-Kabel-Platz vor dem Hauptbahnhof eintreffen. „Gleich da!“, meldet die App plötzlich – und schon biegt MOIA 181 um die Ecke. Der Fahrer lässt die Wagentür aufgleiten und grüßt den Fahrgast mit seinem Vornamen. Im Inneren erwartet ihn ein Interieur zum Wohlfühlen: Alles ist geräumig und geschickt ausgeleuchtet. Freundliche Farben, gebrochenes Weiß, goldfarbene Seitenelemente, helle Sitze. Ein Auto, das nicht nur funktional ist, sondern auch die Bequemlichkeit des Passagiers im Blick hat.

Ein weiterer Fahrgast sitzt bereits im Fond und schaut auf sein Handy, wenige Minuten später steigt er aus. Weiter geht die Fahrt. Draußen gleitet die Hansestadt vorbei, für einen Moment taucht die Alster auf. Vom Verkehrslärm der Metropole dringt nichts in den Fahrgastraum, man hört aber auch kein Motorgeräusch – denn MOIA ist in Hamburg rein elektrisch unterwegs.

Das ist nicht die einzige Besonderheit der Volkswagen-Tochter. Vom öffentlichen Nahverkehr auf der einen und Taxis auf der anderen Seite unterscheidet sich MOIA auch beim Geschäftskonzept: Das Unternehmen bündelt die Bedürfnisse verschiedener Passagiere und positioniert sich damit zwischen der Fahrt nach Fahrplan mit Bus oder Bahn und dem individuellen Transport im Taxi. MOIA-Kunden geben dafür ihren Transportwunsch per App ein und werden zur gewünschten Zeit an einer der zahlreichen und dicht beieinanderliegenden virtuellen Haltepunkte abgeholt.

High-Power-Charging: 20 bis 30 Minuten dauert es, bis die Transporter Energie für 300 Kilometer getankt haben.

Effiziente Transporte in der Großstadt

Auf dem Weg vom Startpunkt zum Ziel können andere Passagiere ein- oder aussteigen, sodass weniger Fahrzeuge benötigt werden. Allerdings kann durch diese Zwischenstopps auch die Fahrzeit steigen. „Ridesharing“ nennt sich das Konzept, und eine intelligente Software sorgt dafür, dass die MOIA-Flotte immer optimal belegt ist. Damit zielt MOIA vor allem auf die täglichen Pendlerströme ab, die das Unternehmen zu effizienten Transporten bündeln will. In Hannover ist MOIA schon seit Juli 2018 unterwegs, in Hamburg seit Frühjahr 2019.

Der Preis einer MOIA-Fahrt liegt zwischen dem öffentlichen Nahverkehr und einer Taxifahrt. Bezahlt wird bargeldlos via App, Trinkgeld und Online-Bewertungen sind ebenfalls möglich. Die Fahrzeuge hat Volkswagen eigens für MOIA unter dem Projektnamen „Pluto“ entwickelt. Es sind Kleinbusse auf der Basis des Crafter, sechs Meter lang und zwei Meter fünfzig breit. Bis zu sechs Personen können mitfahren. 500 Transporter werden bis Ende 2019 in Hamburg unterwegs sein.

Mittlerweile ist MOIA 181 in die Grindelallee eingebogen und fließt im Verkehr mit. Ab und an begegnet der Transporter einem anderen MOIA-Gefährt. Das neue Konzept erfreut sich wachsender Beliebtheit, denn auf den vollen Straßen der City sind Autos, Busse und Taxen dicht an dicht unterwegs. Und diese Entwicklung ist noch nicht an ihrem Höhepunkt angekommen, denn der motorisierte Personenverkehr soll in den kommenden Jahren um rund zehn Prozent zunehmen – obwohl Deutschlands Einwohnerzahl sinkt. Vor allem, weil die älteren Bevölkerungsgruppen „automobiler“ werden.

Das bringt die urbane Infrastruktur schon heute an ihre Grenzen. Zwar geschieht bereits einiges, um den Verkehr umzulenken oder zu vermeiden – der Nahverkehr wird ausgebaut, Car-Sharing und andere Mobilitätskonzepte werden getestet, neue Verkehrsmittel wie E-Motorroller, E-Bikes und E-Scooter erobern die Städte. Doch all das reicht bei Weitem nicht aus, um der wachsenden Mobilität Herr zu werden. Städte und Regionen müssen darum weiterdenken, um den prognostizierten Andrang zu bewältigen.

Auch Hamburg sucht nach neuen Wegen für die Mobilität. Die Stadt liegt nicht nur bei der Anzahl der Ladepunkte für Elektroautos deutschlandweit vorne, sondern ist auch mit Hannover vorgeprescht, um das Ridesharing-Konzept von MOIA zu testen und zu bestätigen. Zwar gibt es mittlerweile in vielen Städten vergleichbare Services – aber MOIA will der führende Anbieter werden und weitere Städte sind in Planung.

Mit seinen Fahrzeugen hat das Unternehmen ein dichtes Netz mit vielen Tausend virtuellen Haltestellen über das ganze Stadtgebiet gelegt und will in Zukunft noch weiter ins Umland vorstoßen. So will MOIA garantieren, dass im 200 Quadratkilometer großen Geschäftsgebiet der Weg zur Abholung höchstens 250 Meter weit ist. „Wir sind noch in der Aufbauphase“, sagt Jens-Michael May, CEO von MOIA Operations. „Wenn wir allerdings in ganz Hamburg unterwegs sind, beginnen die Skaleneffekte eines großen Netzes zu wirken.“

500

Transporter sollen bis Ende 2019 für MOIA in Hamburg unterwegs sein.

18

Schnellladesäulen von Porsche Engineering sorgen dafür, dass die MOIA-Fahrzeuge ständig einsatzbereit sind.

2,000

Schnellladevorgänge führt MOIA pro Woche durch.

Hoheluft, Eppendorf, Niendorf: MOIA 181 erreicht den Betriebshof im Niendorfer Weg Nummer 11. In der nüchternen Halle herrscht reger Verkehr. Fahrzeuge fahren hinein, die Fahrer steigen aus und schließen die Transporter an die Ladestationen an. Derzeit sind 200 Fahrzeuge rund um die Uhr im Einsatz, wöchentlich treffen neue ein, um das Netz zu vergrößern. Nur dienstags und mittwochs zwischen ein Uhr nachts und sieben Uhr morgens herrscht Betriebsruhe. Das Fahrgastaufkommen ist dann sehr gering – Zeit also, um die Fahrzeuge durchzuchecken.

Für den alltäglichen Betrieb ist es essenziell, dass die Fahrzeuge jederzeit aufgeladen werden können. Dafür nutzt MOIA nicht nur 120 konventionelle Wechselstrom-Ladepunkte auf dem Freigelände des Betriebshofs, die die Akkus innerhalb von sieben Stunden laden – für den Einsatz im 24-Stunden-Betrieb stehen in den Hallen auch 18 Schnellladesäulen, sogenannte „High Power Charger“: 20 bis 30 Minuten brauchen die ultramodernen Anlagen, um die 87-Kilowattstunden-Batterie der Transporter bei 400 Volt aufzutanken. 300 Kilometer weit können sie danach fahren.

Die Schnellladeinfrastruktur ist ein Produkt von Porsche Engineering. „Unsere Ladelösungen bieten MOIA drei entscheidende Vorteile“, erläutert Tim Munstermann, der bei Porsche Engineering für Projektmanagement und Processes High Voltage Systems zuständig ist. „Sie brauchen wenig Platz und eignen sich deshalb gut für räumlich begrenzte Betriebshöfe. Außerdem lassen sie sich problemlos erweitern. Und schließlich sind sie mit einem im Vergleich zum Wettbewerb hohen Wirkungsgrad sehr effizient.“

Kraftpaket: Die Schnellladesäulen von Porsche Engineering liefern 150 Kilowatt Leistung.

Spezialentwicklung: Die MOIA-Fahrzeuge hat Volkswagen auf Basis des Crafter entwickelt.

Wichtige Erkenntnisse aus der Praxis

Auch für Porsche Engineering bietet der Einsatz der Ladesäulen bei MOIA einen Mehrwert: Der Einsatz der Ladelösung ist eine wertvolle Bestätigung des Gesamtsystems im Dauerbetrieb mit hoher Auslastung. Die Ladesäulen sind rund um die Uhr im Betrieb – und zwar nicht nur, wenn es schön ist und die Sonne scheint. Das liefert wichtige Erkenntnisse, denn die Wetterbedingungen beeinflussen Energieverbrauch und Ladezyklen: Schon bei Regen verbrauchen die Fahrzeuge bis zu 15 Prozent mehr Strom, und extreme Temperaturen von minus 10 Grad Kälte oder 30 Grad Hitze wirken sich noch stärker auf den Betrieb aus. Für Porsche Engineering sind solche Erfahrungen wichtig, um die Ladetechnik weiterzuentwickeln.

Aber auch die gesamte Energieversorgung muss sich an die Anforderungen der E-Mobilität anpassen. Große Strommengen müssen erneuerbar erzeugt und den Fahrzeugen zugeführt werden. Darum wählt MOIA die Lage seiner Betriebshöfe nicht nur danach aus, wo in der Stadt noch Platz ist – sondern wichtig ist auch die Nähe zu einem der Mittelspannungsringe, die ganz Hamburg versorgen. Bei der Auswahl des Standortes konnte Porsche Engineering MOIA unterstützen, denn vor allem die Zulassung der technischen Anlagen durch den Betreiber des Mittelspannungsnetzes ist aufwendig.

Nachhaltig: Acht Megawattstunden Ökostrom bezieht MOIA täglich von einem Hamburger Anbieter.

Acht Megawattstunden Ökostrom bezieht MOIA derzeit täglich vom Hamburger Anbieter Stadtenergie. „Jedes unserer Fahrzeuge im Einsatz wird drei- bis viermal am Tag geladen, das sind 2.000 Schnellladevorgänge pro Woche“, berichtet Dr. Christian Matt, der als Management Consultant bei MOIA Operations die Ladetechnik betreut. „Weil wir ein sehr ausgefeiltes Lastmanagement betreiben und die Stromaufnahme steuern, kommt es nicht zu riskanten Spannungen im Netz, wenn wir die Fahrzeuge laden.“

Um die Ladesäulen kontinuierlich auszunutzen, stellt MOIA außerdem die Schichtpläne mit einem Monat Vorlauf auf und versetzt die Belegung im Dreischichtsystem um ein paar Minuten. So kann immer wieder ein Fahrzeug den Betriebshof verlassen, sich in den Verkehrsfluss auf der Straße einreihen und die nächsten Passagiere zu ihrer gemeinsamen Fahrt abholen.

Zusammengefasst

Mit seinem Ridesharing-Konzept will MOIA den urbanen Verkehr revolutionieren. Dazu setzt das Unternehmen auf elektrisch betriebene Kleinbusse. Häufiges Nachladen der Batterien ist unverzichtbar, um die Fahrzeuge optimal nutzen zu können. Für möglichst kurze „Tankstopps“ sorgt die Ladetechnik von Porsche Engineering.

Begeistert vom Ridesharing: Jens-Michael May will etwas Gutes für Hamburg tun.

„Wir denken großräumig“

Jens-Michael May ist CEO von MOIA Operations und erläutert, was das Unternehmen im Vergleich zu anderen Mobility-Service-Anbietern anders macht.

Herr May, neue Mobilitätskonzepte sind in aller Munde. Was ist das Besondere am Ridesharing und MOIA?

Die Mobilität der Zukunft wird aus vielen verschiedenen Elementen bestehen. MOIA bietet durch Ridesharing eine gute Ergänzung zu bestehenden Verkehrsmitteln. Wir bündeln den Verkehr und animieren Pendler dazu, sich zusammenzuschließen. So minimieren wir den urbanen Verkehr und dessen Auswirkungen auf die Umwelt. Das Besondere an uns: Wir denken großräumig und planen ein großes Netzwerk: In drei Jahren wollen wir in Hamburg mit rund 1.000 Fahrzeugen unterwegs sein und etwa ein Prozent des Transportaufkommens bewältigen. Nur zum Vergleich: Allein die Hamburger Hochbahn befördert jeden Tag 2,5 Millionen Menschen – ein Prozent davon ist also recht ordentlich.

Eignet sich Ihr Konzept auch für Megacitys in Asien, Afrika oder Lateinamerika? Und wann wird MOIA autonom fahren?

Gerade in den großen Städten entfalten Ridesharing-Konzepte ihre Wirkung. Denn je größer die Metropole, desto besser ist auch die Auslastung der Fahrzeuge – in Megacitys kommen die großen Skaleneffekte zum Tragen. Das Ridesharing ist zwar nur ein Element im Mobilitätsmix von Städten und Regionen. Es ist allerdings sehr effizient, weil es die anderen Verkehrsmittel ergänzt. Bis zur Einführung autonomer Fahrzeuge werden sicher noch Jahre vergehen. Zuerst müssen wir beweisen, dass MOIA und das Ridesharing funktionieren. Zudem sind fahrerlose Autos nicht nur eine technische, sondern auch eine gesellschaftliche Frage.

Welche Rolle spielt die Ladetechnik von Porsche Engineering für MOIA?

Für uns ist es natürlich außerordentlich wichtig, dass unsere Fahrzeuge rund um die Uhr zuverlässig aufgeladen werden können. Aus diesem Grund haben wir uns für die Technik von Porsche Engineering entschieden. Denn sie bietet zum einen den großen Vorteil, dass sie State of the Art ist und eine sehr hohe Effizienz aufweist. Zum anderen eignet sie sich auch besonders gut für unsere Depots, weil sie bei weiterem Wachstum von MOIA leicht erweitert werden kann und ausgesprochen wenig Platz benötigt. Das sind in den innerstädtischen Lagen unserer Betriebshöfe sehr wichtige Argumente.

Info

Text erstmals erschienen im Porsche Engineering Magazin, Ausgabe 2/2019.

Text: Axel Novak
Mitwirkende: Tim Munstermann, Andreas Rau
Fotos: Martin Kess; MOIA

Copyright: Alle in diesem Artikel veröffentlichten Bilder, Videos und Audio-Dateien unterliegen dem Copyright. Eine Reproduktion oder Wiedergabe des Ganzen oder von Teilen ist ohne die schriftliche Genehmigung von Porsche Engineering nicht gestattet. Bitte kontaktieren Sie uns für weitere Informationen.

Kontakt

Sie haben Fragen oder möchten weitere Informationen? Wir freuen uns über Ihre Kontaktaufnahme: info@porsche-engineering.de