Freier Wille im Digitalzeitalter

Weiter gedacht

28.5.2020

Flammen des Fortschritts

Wer hat wen im Griff: wir die Technik oder die Technik uns? Zur Selbstbestimmung des Menschen im Zeitalter der Digitalisierung. Ein Gastbeitrag von Journalist, Manager und Buchautor Christoph Keese.

Meine Urgroßmutter hieß Leni, und ich hatte als Kind das Glück, sie noch kennenzulernen. Sie war in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts geboren worden. Vor meinen Augen sehe ich Leni in ihrer kleinen Wohnküche im Bergischen Land hantieren. Wenn sie kochte, stand sie im Rauch ihres Holzherds, schickte uns Kinder mit der glimmenden Asche in den Hinterhof zur blechernen Mülltonne und stemmte zufrieden die Fäuste in ihre Hüften, wenn sie die vielen Töpfe auf der heißen Platte mit ihren sieben Holzlöffeln durchgerührt hatte. Am Ende dieser körperlich anstrengenden Arbeit erhob sich ein Fest an ihrem knarrenden Holztisch, dessen Balken sich bogen unter dem Gewicht der Schüsseln, Saucieren, Platten und Körbe.

Heute, im digitalen Zeitalter, ist Kochen eine lässig ausgeübte Nebentätigkeit, die weniger Zeit in Anspruch nimmt, als Leni brauchte, um auch nur Holz in den Ofen zu stopfen. Mikrowellen erhitzen Fertigmahlzeiten in wenigen Minuten. Convenience-Food schafft Rheinischen Sauerbraten aus dem Wasserbad. Es gibt einen Kühlschrank, der die Restbestände des Inhalts analysiert und Rezeptvorschläge vorliest, was man aus den verbliebenen Reserven noch anfertigen könnte. „Alexa, bring Milch und Kartoffeln“, ist heute gerade noch der neueste Schrei, aber schon in ein oder zwei Jahren wahrscheinlich ein Relikt. Denn Alexa muss dann gar nicht erst gebeten werden, ihrer Pflicht nachzukommen, sondern hat Nachschub bereits selbsttätig geordert – unsere Wünsche aufgrund des Datenbestands und mithilfe ausgefuchster Algorithmen der Künstlichen Intelligenz vorausahnend, noch bevor diese Wünsche überhaupt erst in uns entstehen konnten. Das Schlaraffenland der fliegenden Gänsebraten und der fließenden Ströme aus Honig und Milch hat lange auf sich warten lassen. Mit der Digitalisierung wird es endlich wahr. Der Preis für den Fortschritt an Bequemlichkeit ist der Verlust an Sinnlichkeit. Wir sind Kinder unserer Zeit, sagt man. Aber sind wir auch noch Herren unseres Lebens?

Wir steigen nicht auf, sondern wir steigen nur um

Wir wähnen uns mehr oder weniger im Vollbesitz moderner digitaler Kompetenz, bemerken aber nicht den Verlust anderer Fähigkeiten. Wir glauben, Kompetenzen würden sich Schicht für Schicht übereinanderlegen, und sind ohne weiteres Nachdenken fest davon überzeugt, dass wir weitaus mehr Kompetenzen besitzen als jede andere Generation vor uns. Doch das ist ein Irrtum.

Uns kommt gar nicht in den Sinn, dass es anders sein könnte: dass Kompetenzen nämlich einander verdrängen, statt sich zu ergänzen. Kinder drehen und schneiden Smartphone-Videos im Handumdrehen und befüllen damit ihren YouTube-Kanal. Doch sie können nicht mit einem einzigen Streichholz und ohne Pusten ein Feuer in dem engen Schacht eines Herds entfachen.

Wenn wir auf der Höhe unserer Zeit bleiben möchten und an der Digitalisierung mitzuwirken gedenken, dann bezahlen wir das mit dem schleichenden, kaum spürbaren, dennoch unabweislich eintretenden Verlust anderer, früherer Kompetenzen. Wir steigen nicht auf, sondern wir steigen nur um. Wir sind jedem Römer in der Technik der Kommunikation haushoch überlegen, und Cäsar wäre vor Neid erblasst beim Anblick unserer Informationsübermittlung von Gallien und Germanien nach Rom. Im Vollbesitz unserer heutigen Kompetenzen wäre ihm viel Ärger nördlich und südlich der Alpen erspart geblieben. Dafür aber würde Cäsar uns im Nahkampf mit dem Kurzschwert schneller zur Strecke bringen, als wir unser Handy zücken könnten, um nach Hilfe zu rufen.

Zwischen den Generationen herrscht ausgleichende Gerechtigkeit. Kompetenz und Selbstbestimmung stehen in einem engen Zusammenhang. Mich selbst zu etwas bestimmen kann ich nur, wenn ich die Fähigkeit besitze, dieser Bestimmung auch zu entsprechen. Hier nun wirft die Digitalisierung ein ernstes Problem auf. Anders als frühere Revolutionen wie die mechanische oder industrielle zielt die Digitalisierung nicht darauf ab, unsere Muskelkraft durch Dampf und Getriebe ins Unermessliche zu steigern. Sondern sie potenziert die Kraft unseres Geistes, und das in einem beständigen Marsch von einfachen kognitiven Fähigkeiten hin zu komplexen, teilweise unbewussten und tief verborgen liegenden Vorgängen. Je weiter die digitalen Helfershelfer in die verschwommenen Regionen unseres Bewusstseins und Unterbewusstseins vordringen, desto mehr lästige Routinen werden sie uns abnehmen, desto geschmeidiger werden sie uns an das Umsorgtwerden gewöhnen und desto mehr alte Kompetenzen werden sie durch neue ersetzen.

Uns kann das nicht gleichgültig sein. Denn was heißt das konkret? Wenn Algorithmen in unsere Wunschbildung eingreifen und Wünsche erfüllen, noch bevor sie entstanden sind, dann wird die Kompetenz zur Wunschbildung so erlahmen wie ein schlecht trainierter und selten benutzter Beugemuskel am Oberarm. Mit dem Verlust der Fähigkeit, autonome Wünsche zu fassen, nimmt auch unsere Selbstbestimmung ab.

Nehmen wir als Beispiel das Auto der Zukunft. Während die meisten Menschen an die Elektrifizierung denken, findet die viel wichtigere Revolution in der Steuerung statt. Erst die Einführung des automatisch fahrenden Autos löst die wahre Revolution im Verhältnis der Maschine zu den Menschen aus. Wir werden die Hände vom Lenkrad nehmen können – so weit, so gut. Doch sobald ein Algorithmus die weitgehend unfallfreie Fahrt ermöglicht, wird er uns Vorschläge für Fahrtziele unterbreiten wollen, ganz ähnlich den Abertausenden von Vorschlägen, die uns heute bereits im Internet ereilen: „Wer dieses Buch gekauft hat, hat auch jenes gekauft“, lesen wir bei Amazon. Das autonome Auto wird verständnisvoll zu uns sprechen: „Ganz richtig, die Rheinauen sind ein schönes Ausflugsziel mit den Kindern an diesem Frühlingssonntag. Aber wollen wir nicht einmal das Phantasialand ausprobieren? Dort zahlen Kurzentschlossene heute keine Mehrwertsteuer.“

Künstliche Intelligenz, klug verknüpft mit dem Auto der Zukunft, wird in der Lage sein, unser Leben um lästige Aufgaben zu bereinigen und wie ein privater Zauberlehrling in uns hineinzuhören, um unsere immanenten Wünsche zu erkunden und stehenden Fußes zu erfüllen. Alle Informationen, die für eine derart vorausschauende Planung benötigt werden, liegen in den Informationssystemen vor, die uns heute schon umgeben. Sie müssen nur noch verknüpft, ausgewertet und in unseren Dienst gestellt werden. Jenen Assistenten, die das können, werden wir leichten Herzens die Regie über unseren Alltag überlassen. Das Auto als Wirkungsort der wohlmeinenden digitalen Vormundschaft bietet sich deswegen so geschmeidig an, weil es unser Fahrtziel und unsere Route ändern kann. Es wirkt als Erfüllungsgehilfe unterbewusster Wünsche, weil es uns zum Ort der Sehnsucht kutschiert, noch bevor wir uns der Sehnsucht selbst bewusst geworden sind.

Das Kochen am Feuer als ein Fest der Sinne

Verloren gegangene Kompetenzen werden nicht als Verlust empfunden. Wir sind uns der meisten Dinge nicht bewusst, die wir nicht können. Wir leiden nicht darunter, dass wir einen gusseisernen Herd nicht mit einem einzigen Streichholz entzünden können – schon deswegen nicht, weil es solche Herde in unseren Küchen nicht mehr gibt. Wir vermissen das, was wir nicht können, heute nicht mehr sonderlich, solange wir von Mitmenschen umgeben sind, die es ebenfalls nicht können. Ganz in diesem Sinne werden wir nach dem Einzug hyperpräziser Vorhersage-Algorithmen den Verlust des schönen Gefühls, einen Plan zu fassen oder einen Wunsch zu hegen, nicht als Amputation wahrnehmen.

Eine schreckliche Vorstellung, werden viele sagen. Es wird uns später weitaus weniger schrecklich vorkommen als jetzt. „Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden“, schreibt der Philosoph Rüdiger Safranski. Der Verlust an Selbstbestimmung kommt uns nach vorne gerichtet furchtbar und in der Rückschau bedeutungslos vor.

Langsam beginne ich zu verstehen, warum meine Urgroßmutter nichts von Gas- und Elektroherden wissen wollte. Leni wischte den Gedanken beiseite, das glaube ich inzwischen fest, weil sie den Geruch des Feuers mochte. Weil sie das Prasseln des Holzes gerne hörte und das Kitzeln des Qualms in den Nasenlöchern liebte. Sie mochte das Gefühl der Macht über die Natur, wenn sie mit dem Ratschen eines Hölzchens über die Reibefläche einen ganzen Stoß Holz in Flammen setzte. Es durfte ihr nicht zu leicht fallen – das hätte sie ihres verdienten Lohnes für das harte, karge Leben beraubt. Kurzum: Das Kochen am archaischen Feuer sah nur für unsere Augen wie ein Anachronismus aus. Für meine Urgroßmutter war es ein Fest der Sinne und eine Feier des Lebens. Ihre Selbstbestimmung sah vor, sich dieses Vergnügen von nichts und niemandem stehlen zu lassen.

Wir können heute nur raten, wie Leni dachte. Ebenso wenig werden unsere Urenkel verstehen können, warum wir uns den Mühen der freien Entscheidungsfindung in so vielen trivialen Situationen ausgeliefert haben, wo doch in der damit vergeudeten Lebenszeit so viel Besseres anzufangen gewesen wäre. Sind die Urenkel, die uns später auf diese ungeheure Art nicht mehr verstehen wollen, dümmer als wir? Nein, das sind sie nicht. Sie verfügen nur über andere Kompetenzen, und das müssen wir akzeptieren.

GASTAUTOR CHRISTOPH KEESE, Jahrgang 1964, ist erfolgreicher Buchautor („Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“) und seit Kurzem CEO der Axel Springer hy GmbH. Zuvor war er Manager beim Medienunternehmen Axel Springer und trieb als Executive Vice President den Umbau der Firma zu einem Internet-Unternehmen voran.

Info

Text erstmals erschienen im Porsche Engineering Magazin, Ausgabe 2/2019.

Text: Christoph Keese

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